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🇩🇪/🇨🇭 Eine Frage der Mitschuld

Am 20. März 2024 um 21.05 Uhr wird die Dokumentation des Schweizer Fernsehens aus dem September 2023 über „Die evangelikale Welt der Läderachs“ im Fernsehkanal 3sat noch einmal gesendet. In dem TV-Beitrag, der in der Schweiz ein enormes Echo hatte, kommen Opfer der KwaSizabantu-Ideologie zu Wort, die in Internat und Schule der Mission auf dem Hof Oberkirch in Kaltbrunn unter Missbrauch aller Art gelitten haben und bis heute davon gezeichnet sind. Angesichts der Wiederholung des Berichts in 3sat sollte erwähnt werden, was in der Doku nicht gezeigt werden konnte – und bislang nicht thematisiert wurde. Nämlich, ob nicht auch die Sektenzweigstellen in anderen europäischen Ländern, vor allem aber in Deutschland, eine Mitverantwortung an dem Skandal haben. Dies soll so etwas wie ein Schlusswort unter die Berichte über die Sekte KwaSizabantu in der Schweiz und Deutschland sein.

Während die Schweizer Ex-KSB-Gemeinde als Betreiber der Schule eine umfangreiche Aufarbeitung ihrer Geschichte vorgenommen hat, fragt sich: wie gehen eigentlich die anderen europäischen Ex-KSB-Gemeinden mit ihrer Mitverantwortung an dem Desaster in der Schweiz um? Ging oder geht sie das nichts an?

Klar ist: Die meisten Schüler im Internat Kaltbrunn waren aus Deutschland! Unter den 57 Ehemaligen der Schule, die sich im Rahmen der Schweizer Aufarbeitungsaktion nach rund 20 Jahren gemeldet haben, waren die aus Deutschland in der Mehrzahl! Hat niemand in den deutschen KSB-Kreisen ein Interesse daran gehabt, wie es und was da in Schule und Internat in Kaltbrunn lief? Doch – es gab allerdings nur ein Interesse, nämlich die Machenschaften zu verbergen und alles dafür zu tun, damit Erziehung mit Gewalt weiter praktiziert werden kann. Erinnern wir uns, was 1999 in der Zentrale von KwaSizabantu Deutschland in Lindach geschah, als intern die Nachricht von den Schlägen im Schweizer KSB-Internat die Runde machte. Gemeindemitglieder, von denen vermutet wurde, dass sie die Schläge in Kaltbrunn nicht für sich behalten haben, wurden des Verrats bezichtigt und unter Druck gesetzt. Da gab es Hausbesuche von fanatischen Prügelbefürwortern bei Eltern von deutschen Internatsschülern, da wurde ihnen in einer Versammlung gedroht, dass eine derartige Treulosigkeit geahndet würde, kurz: Dissidenten innerhalb der KSB-Gemeinschaft wurden geradezu verfolgt. Siehe:
https://ksb-alert.com/1999/05/02/geheimhaltung-ist-alles/

Physische Gewalt in der Erziehung war im Dunstkreis von KwaSizabantu allgemein akzeptiert, sie wurde nicht selten in Predigten empfohlen. Keiner der so genannten „Verantwortlichen“ ist je auf die Idee gekommen, dass Missbrauch mit Schlägen beginnt, dass serienmäßiger Missbrauch bereits zum Schulalltag im Hof Oberkirch gehörte – und dass sie diesen Missbrauch gefördert haben. Das Problem war: Ideologisch verblendete theologische Quacksalber und pädagogische Dilettanten hatten das Sagen in KwaSizbantu. Sie wurden bestärkt von naiven Eltern, denen die PrĂĽgel in der Erziehung ihrer Kinder eine Empfehlung Gottes war. Die Mitschuld besonders der deutschen Zentrale KwaSizabantus in Lindach an der Missbrauchsgeschichte besteht darin, dass sie die Entwicklung des Hofs Oberkirch zu einem HĂĽgel der Angst und das Leid vieler junger Menschen hätten verhindern können, es aber nicht wollten.

Darüber verlieren sie heute kein Wort. Während einige der Verantwortlichen in der Schweiz zumindest eine Entschuldigung für die Missstände per Pressemitteilung veröffentlichten, hoffen sie in Lindach auf das allgemeine Vergessen und waschen ihre Hände in Unschuld. Kein Bekenntnis, keine öffentliche Abbitte, nichts. Und sie zeigen mit den Fingern auf die Schweizer. „Sollten diese Vorwürfe aus den Jahren 1990 bis Anfang 2000er tatsächlich geschehen sein, muss das strafrechtlich verfolgt und aufgeklärt werden“, wird der seit 1998 ununterbrochen amtierende Lindacher Gemeindeleiter in der Rems-Zeitung zitiert. Der Leiter der Schule der FEG Lindach teilte der Rems-Zeitung mit, von den Missbrauchsvorwürfen habe man überhaupt erst durch Medienberichte erfahren. Tatsächlich? In den höheren Zirkeln der Sekte wurde schon seit 2000 angeregt über die Nachrichten geplaudert. Zuerst, als die Schule von den Behörden für einige Wochen geschlossen wurde, um Untersuchungen über Missbrauchsvorwürfe durchzuführen. Und dann ganz besonders, als die ehemalige Internatsleiterin in Kaltbrunn Farbe bekannte und die Praktiken in Schule, Internat und Gemeinde öffentlich machte. Und seit 1999 ist auf dieser Webseite davon zu lesen, spätestens seit 2004 berichteten immer wieder viele Schweizer Zeitungen darüber. Nein, so etwas wie eine Mitverantwortung für den Missbrauch auch an den Kindern ihrer eigenen Gemeindemitglieder dort in Kaltbrunn, spüren sie in Lindach offensichtlich bis heute nicht.

Vielleicht wäre ein Hinweis in einem der nächsten Gottesdienste in Lindach, Bensheim, Druhwald (Bispingen), Wiehl und Wendelsheim angebracht. In etwa so: „Am 20. März 2024 um 21.05 Uhr wird die Dokumentation des Schweizer Fernsehens aus dem September 2023 über „Die evangelikale Welt der Läderachs“ im Fernsehsender 3sat noch einmal gesendet. Er zeigt, welches Unrecht auch in unseren eigenen Reihen geschehen ist, als wir überzeugte Anhänger der Mission KwaSizabantu waren“.

Und warum spĂĽren sie keine Mitverantwortung fĂĽr den Skandal? Wohl, weil der Geist von KwaSizabantu nach wie vor ĂĽber die ehemaligen Follower der Sekte herrscht. Der stellvertretende Vorsitzende des Trägervereins der einstigen Domino-Servite-Schule in Lindach, Klaus Aspacher verstieg sich unlängst, wie schon berichtet, in einer Predigt zu der Feststellung: „Wenn wir meinen, wir hätten wunderbare Kinder, vergessen wir, dass die Bibel sagt: Sie sind in SĂĽnden geboren. Da ist nichts Gutes an diesem Kind. Das mĂĽssen wir uns klar machen: Dass wir keine Engel geboren haben, sondern dass wir Kinder geboren haben, die in die Hölle fahren wenn sie sich nicht ändern.“ Die denkbar einfachste Sicht auf eine solche theologische Entgleisung äuĂźerte der Gemeindeleiter dazu später in der Rems-Zeitung. Das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen und der Prediger habe eine missverständliche Formulierung gewählt und bedaure dies. Missverständlich? Da ist nichts missverständlich: Formulierungen und eine Denkweise wie diese waren der ideologische Unterbau des Missbrauchs an den Schutzbefohlenen in KwaSizabantu.

Ganz nebenbei: In der FEG in Lindach stehen zwei der Prügelbefürworter, die einst so emsig nach den „Verrätern“ gesucht hatten, bis heute immer wieder mal auf der Predigtkanzel: Jürgen Schlicksupp und Albert Penner. Das zumindest war der Webseite der FEG Lindach bis vor kurzem noch zu entnehmen, wo Auftritte der beiden Herren auf Video anzuschauen waren. Um die Entdeckung theologischer oder sonstiger Verirrungen in der größten der ehemaligen KSB-Gemeinden künftig zu verhindern, wurde das Video-Archiv jetzt komplett von der Webseite genommen.

Am Ende der Geschichte empfehlen wir den einst und den womöglich noch immer von Prügeln in der Erziehung Überzeugten in den Reihen der Ex-KSB-Gemeinden einen Text vom Verein Kinderschutz in der Schweiz. Titel: Auswirkungen von Gewalt in der Erziehung. Die Lektüre bietet eine Chance zu verstehen, welche Art von Erziehung sie befürwortet haben – und welche Erziehung für Schutzbefohlene viel Leid und einen großen Skandal verhindert hätte.
https://www.kinderschutz.ch/gewalt-in-der-erziehung/auswirkungen